Willebadessen, Neustrelitz und Ascha sind die Bioenergie-Kommunen 2016

Preisverleihung
v.l.n.r. Staatssekretär Peter Bleser, BMEL, Wolfgang Zirngibl, Michael Landstorfer (beide Ascha), Hans Hermann Bluhm, Norbert Hofnagel (beide Willebadessen), Clemens Neumann, BMEL, MdB Jeannine Pflugradt, Andreas Grund (beide Neustrelitz); Bild: FNR/Felix Müller

Willebadessen (Nordrhein-Westfalen)

Willebadessen liegt im Landkreis Höxter in Nordrhein-Westfalen. In der Kleinstadt leben 8.279 Einwohner in insgesamt 13 Ortsteilen, zu denen auch das Bioenergiedorf Peckelsheim gehört. Die Willebadessener betreiben eine große Zahl an Bioenergieanlagen: Zwei Biogas-Anlagen mit einer Leistung von 1.000 bzw. 930 kWel, ein Heizkraftwerk und zwei Heizwerke auf Basis von Holzhackschnitzeln, 183 Holzzentralheizungen für Pellets, Hackschnitzel und Scheitholz und rund 2.000 kleinere Holzöfen. Mit Hilfe dieser Anlagen kann die Stadt gut die Hälfte ihres Wärmebedarfs und 131 Prozent ihres Strombedarfs decken. Dazu kommen 614 Photovoltaik- und viele Solarthermieanlagen, die oft in Systemkombination mit den Holzheizkesseln betrieben werden. Die Bioenergie nicht mit eingerechnet können die anderen erneuerbaren Anlagen zusätzlich zwei Prozent des Wärmebedarfs und 153 Prozent des Strombedarfs der Stadt liefern – Willebadessen produziert also zweieinhalbmal so viel grünen Strom, wie es selbst benötigt und kann seine Nachbargemeinden mit versorgen.

Bei rund 3.200 Haushalten hat hier fast jeder Bürger in irgendeiner Form Berührungspunkte mit erneuerbaren Energien. Das starke Engagement der Bürger und Gewerbetreibenden ist denn auch das Fundament der Energiewende im Ort:  So finanzierten mehrere Betriebe und Haushalte Mikrowärmenetze. Die Biogasanlagenbetreiber initiierten ein fünf Kilometer langes Wärmenetz zur Versorgung vieler öffentlicher Gebäude. Bürgerinitiativen entwickeln derzeit weitere Wärmenetze. Der Maschinenring Höxter sorgt mit dem Bildungszentrum am Biomassehof Borlinghausen dafür, dass sich die Menschen das nötige Fachwissen in Energiefragen aneignen können. Außerdem begleitet er die Bürgerwärmenetze bei der Umsetzung.

Die Bioenergie-Kommune und ihre nahe Umgebung profitieren nicht zuletzt über die gestiegene regionale Wertschöpfung von der erneuerbaren Versorgung: So ersetzt die Wärme aus Biogas und Holz umgerechnet fast drei Millionen Liter Heizöl pro Jahr. Brennstoffe aus der Region werden vor Ort produziert, veredelt und vermarktet. Regionale Handwerksbetriebe installieren die Leitungen und Anlagen. Die benötigten Darlehen stellten vor allem die zwei beheimateten genossenschaftlichen Banken bereit. Die Biogas-Wärme hat zudem einen günstigen Preis, dank dem das Schulzentrum in Peckelsheim mit Hallenbad und Sporthalle gehalten werden kann.

Für die kommenden zehn Jahre haben sich die Willebadessener vorgenommen, ihren Wärmebedarf zu mindestens 80 Prozent regenerativ zu erzeugen. Dazu sollen vor allem Energieeinsparmaßnahmen, u. a. in den zahlreichen Eigenheimen beitragen. Auch bei der Stromversorgung will die Stadt den Effizienzpfad konsequent weiter beschreiten. Bis heute wurden rund 35 Prozent der 1.100 Straßenlampen auf LED umgerüstet. Dieser Austausch soll sukzessive weitergehen.

Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern):

Neustrelitz ist eine Stadt mit 20.979 Einwohnern in 10.850 Haushalten und liegt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Die Stadtwerke Neustrelitz betreiben am Stadtrand ein Holzheizkraftwerk, das in das öffentliche Stromnetz und das städtische Fernwärmenetz einspeist (7.500kWel  und 17.000 kWth). Außerdem sind die Stadtwerke Betreiber von zwei Solarparks. Hinzu kommen weitere öffentliche und private Photovoltaik-  und Biogas-Projekte.

Das Holzheizkraftwerk deckt über 80 Prozent des Wärmebedarfs und über 70 Prozent des Strombedarfs der Stadt aus Biomasse – diese Werte sind landesweit Spitze. Wärmeverluste gibt es nicht - in den Sommermonaten erzeugt das Kraftwerk mit der Fernwärme das Warmwasser für die Haushalte und produziert aus den Überschüssen Strom.
Neustrelitz liegt in einer waldreichen Region und kann seinen Energieholzbedarf von rund 75.000 Tonnen Hackschnitzeln pro Jahr überwiegend durch die Wald- und Landschaftspflege decken. Acht der insgesamt neun Hackschnitzel-Lieferanten liefern die Biomasse aus einem Umreis von max. 80 Kilometern an. Das 2005 errichtete Kraftwerk ist nicht zuletzt auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Rund 50 Arbeitsplätze sind mit ihm verbunden und nach einer Analyse des Institutes für Ökonomie der Forst- und Holzwirtschaft liegt die regionale Bruttowertschöpfung bei rund sechs Millionen Euro im Jahr.

In Neustrelitz sind die Stadtwerke als hundertprozentige Tochter der Kommune die treibende Kraft der Bioenergieversorgung. Die Bevölkerung profitiert über moderate und stabile Wärmepreise. Außerdem werden viele Vereine, Bürgerprojekte und Veranstaltungen in der Stadt durch Sponsoring und Spenden unterstützt.

Herausragend in Neustrelitz ist das Engagement für die Öffentlichkeitsarbeit. Die Stadtwerke sind Gesellschafter des Landeszentrums für Erneuerbare Energien (LEEA) mit überregional bedeutsamen Ausstellungs-, Informations- und Bildungsangeboten. Das LEEA wird erfolgreich als außerschulischer Lernort genutzt. Die Erlebniswelt des LEEA mit der Dauerausstellung "Ressourcenkammer Erde" und den Wechselausstellungen zum Thema erneuerbare Energien erreicht außerdem viele Touristen in der Urlaubsregion Mecklenburgische Seenplatte.

Aktuell auf der Agenda in Neustrelitz steht der weitere Ausbau der Elektromobilität, die auf vor Ort produziertem grünen Strom basieren soll.

Ascha (Bayern)

Ascha ist ein Bioenergiedorf mit 1.597 Einwohnern in 570 Haushalten im niederbayerischen Landkreis Straubing-Bogen. Mit einem Biomasseheizwerk (1,5 MWth), einem Holzvergaser-Blockheizkraftwerk (BHKW; 180kWel/240kWth), einer Biogas-Anlage (250kWel/350kWth), vielen Bürgersolaranlagen (900 kWp Solarpark, 2.200 kWp auf Dächern), kommunalen Photovoltaik-Anlagen auf öffentlichen Gebäuden (43kWp) und  988 m² Solarthermie verfügt der Ort über eine große Bandbreite an regenerativen Anlagen. Man könnte auch sagen: Hier ist die Energiewende schon Realität. Mehr noch, Ascha versorgt sein Umland mit grünem Strom, denn der Ort hat einen erneuerbaren Deckungsgrad von über 250 Prozent. 174 Prozent davon stammen aus Biomasse. Auch die Wärmeversorgung basiert überwiegend auf erneuerbaren Energien und liegt damit weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 13 Prozent. Vor allem Biomasse sowie Solarthermie sind die wärmeliefernden Energieträger.

Ein Agenda-21-Programm und das Engagement von Verwaltung, örtlichem Energieversorger, Schulen und Bürgern bildeten den Ausgangspukt für den Wandel zum Bioenergiedorf. Man begann mit kleinen, aber öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen wie zum Beispiel der Aktion "Ein Dorf spart Energie": Einige Aschaer Haushalte erklärten sich bereit, ihren Stromverbrauch zu messen. So sollten "Stromfresser" ausfindig gemacht und den Teilnehmern verdeutlicht werden, wie hoch der  Stromverbrauch einzelner Geräte tatsächlich ist. Jeder Teilnehmer erhielt als Dank eine Energiesparleuchte. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in Form von Stromspartipps für alle Bürger veröffentlicht. Aber auch konkrete Investitionen wurden unterstützt, so stellte die Gemeinde Ascha Dachflächen am Rathaus und der Grundschule für Bürgersolarkraftwerke zur Verfügung.

Das Thema Energieeinsparung hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in dem Ort. Die Maßnahmen richten sich vor allem an die Bürger: Stromsparwettbewerbe mit lukrativen Preisen, ein Förderprogramm Elektromobilität mit der Bezuschussung von Elektrorollern, Zuschüsse für den Austausch veralteter Umwälzpumpen, die Ausbildung von Energiescouts und die Ausweisung neuer Bauplätze mit einem Ökobonussystem - dieses System gewährt nachträgliche Kaufpreisreduzierungen für die Umsetzung energiesparender Maßnahmen, z.B. durch einen Nahwärmeanschluss.
Aber auch die öffentliche Hand macht mit beim Sparen und hat die Straßenbeleuchtung auf LED-Leuchten umgerüstet, ein Teil davon ist solarbetrieben. Auch im Innern öffentlicher Gebäude kommt nun LED-Beleuchtung zum Einsatz.
Das Interesse an der energieautarken Gemeinde ist sehr groß, regelmäßig besuchen Gruppen aus dem In- und Ausland den Ort. Ascha will deshalb ein ehemaliges Gasthaus zum sogenannten "NAWARO-Haus" umbauen, um dort seinen Gästen noch mehr Informationen bieten zu können.